Stevia – das Wundermittel für Diabetiker und Naschkatzen?

Stevia

Inzwischen werden immer mehr Süßwaren, süße Getränke und andere Produkte angeboten, die mit Stevia gesüßt sind. Für viele Schleckermäuler klingt es wie ein Traum: Mit Stevia kann man naschen, ohne dick zu werden und ohne den Zähnen zu schaden. Und Diabetiker hoffen, in Stevia ein ideales natürliches Süßungsmittel gefunden zu haben, das fast wie Zucker schmeckt, aber den Blutzuckerspiegel nicht beeinflusst. Das ist auch deshalb interessant, weil die lange Zeit auf dem Markt erhältlichen Produkte für Diabetiker nur noch bis Ende 2012 vertrieben werden dürfen und viele Diabetiker nach Alternativen suchen. Aber ist Stevia wirklich das erhoffte Wundermittel?

Was genau ist Stevia eigentlich?

Stevia ist eine blattreiche, krautige Pflanze, die ursprünglich aus dem Grenzgebiet zwischen Brasilien und Paraguay stammt. Ihre Blätter enthalten verschiedene süß schmeckende Verbindungen. Diese Steviolglycoside besitzen im Vergleich zum Haushaltszucker eine 300-mal höhere Süßkraft. Deshalb reichen schon relativ geringe Mengen zum Süßen aus. In höheren Dosierungen kann Stevia allerdings einen bitteren, lakritzähnlichen Beigeschmack bekommen. Dafür hat Stevia keine Kalorien und erzeugt keine Karies.

In Südamerika wird das Kraut schon seit Jahrhunderten zum Süßen verwendet. Seit Dezember 2011 ist Stevia in Deutschland als Süßstoff für den Einsatz in Lebensmitteln zugelassen. So dürfen jetzt auch bei uns Kaugummi, Erfrischungsgetränke und Bonbons mit Steviaextrakt gesüßt werden – vorausgesetzt, die gesetzlichen Höchstmengen werden eingehalten. In der Zutatenliste findet man Stevia unter der Bezeichnung „Steviolglykoside E 960“.

Warum könnte Stevia wichtig für Diabetiker werden?

Lange Zeit gab es auf dem Markt spezielle Produkte für Diabetiker. Sie trugen den Hinweis „Zur besonderen Ernährung im Rahmen von Diabetes mellitus". Die Lebensmittelindustrie hatte die Produkte ursprünglich entwickelt, um Diabetikern zu helfen, ihre Blutzuckerwerte besser unter Kontrolle zu halten. In den Diät-Schokoladen, Diät-Konfitüren und Diät-Keksen wurde überwiegend Fruktose statt Saccharose (Haushaltszucker) als Süßungsmittel eingesetzt. Denn Fruktose wird im Darm langsamer aufgenommen als Glucose und erhöht den Blutzuckerspiegel nur geringfügig.

Nach heutigem Stand der Wissenschaft ist Fruktose jedoch für Diabetiker sogar ungünstiger als herkömmlicher Haushaltszucker. Studien haben gezeigt, dass sich Lebensmittel mit einem hohen Fruktoseanteil ungünstig auf den Fettstoffwechsel auswirken. Darüber hinaus wird das Fett bei fruktosebetonter Kost in hohem Maße in der Leber eingelagert. Dies kann im schlimmsten Fall zu einer Fettleber führen oder eine Insulinresistenz verursachen, bei der Blutzucker noch schlechter verarbeitet wird.

Ende 2011 wurde die Diätverordnung an den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand angepasst. Nun dürfen Diät-Produkte für Diabetiker nur noch bis Ende 2012 in den Verkehr gebracht werden.

Mehr dazu lesen Sie im Beitrag „Aus für Diabetiker-Produkte – was nun?“ 

Stevia – geeignet für Diabetiker?

Stevia könnte für Menschen mit Diabetes, aber auch für Gesunde eine Alternative zu Fruktose, Haushaltszucker und Süßstoffen wie Aspartam oder Acesulfam darstellen. Herkömmliche Süßstoffe beeinflussen den Blutzuckerspiegel zwar auch nicht, doch nicht jeder mag den spezifischen Süßstoff-Geschmack. So vermissen Coca Cola-Liebhaber bei den kalorienarmen Diät-Varianten beispielsweise oft den „echten“ Coca Cola-Geschmack. Und auch der erhoffte Effekt auf der Waage blieb bei einer Ernährung mit Produkten mit Süßstoffen letztlich meistens aus.

Doch die Deutsche Diabetes-Hilfe und der Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland (VDBD) empfehlen Stevia für Diabetiker nur eingeschränkt. Denn süß bleibt süß. Und süße Produkte werden nicht unbedingt gesünder, nur weil sie Stevia statt Zucker enthalten. Es wird sogar befürchtet, dass Stevia-Produkte bedenkenlos konsumiert werden, weil sie vermeintlich keinen Einfluss auf den Blutzuckerspiegel oder das Gewicht haben. Dabei wird gerne übersehen, dass süße Produkte meist auch viel Fett und Kalorien enthalten. Deshalb sollten Diabetiker Kuchen, Süßigkeiten und Gebäck nur in geringen Mengen verzehren, unabhängig davon, ob sie mit Stevia, anderen Süßstoffen oder Haushaltszucker hergestellt wurden. Generell sollten Süßstoffe nur maßvoll verwendet werden, um das Verlangen nach Süßem nicht noch durch Gewöhnung zu steigern.

Nicht zuletzt besteht bei häufigem Verzehr von Stevia-Produkten die Gefahr einer Überdosierung, da die tatsächlich aufgenommenen Mengen schwer zu kontrollieren sind. Insofern gilt: Stevia für Diabetiker ja, aber in Maßen. Und auch Gesunde sollten sich bei Süßem zurückhalten, egal ob es mit Stevia, anderen Süßstoffen oder Zucker gesüßt ist.

Ernährungsempfehlungen für Diabetiker

Für Diabetiker wird eine ausgewogene Kost empfohlen, die weitgehend den Ernährungsempfehlungen für gesunde Erwachsene entspricht. Spezielle Lebensmittel sind dabei nicht nötig. Die Ernährung sollte möglichst kalorienarm sein und vorwiegend aus komplexen Kohlenhydraten bestehen, wie sie in Kartoffeln, Nudeln und Vollkornbrot enthalten sind. Komplexe Kohlenhydrate werden vom Körper nur langsam zu Zucker abgebaut und gelangen daher entsprechend langsam in die Blutbahn. Reiner Zucker, Süßigkeiten oder gezuckerte Getränke sind ungünstig, da sie zu einem schnellen Blutzuckeranstieg führen.

Aber auch auf Süßes müssen Diabetiker nicht vollkommen verzichten. Bis zu 10 % des täglichen Kalorienbedarfs können in Form von Zucker aufgenommen werden, ohne den Stoffwechsel negativ zu beeinflussen. Am besten ist es, Zucker in kleineren Portionen über den Tag verteilt zu sich zu nehmen. Vorzugsweise sollte er nicht pur, sondern in gebundener Form genossen werden, zum Beispiel als ein kleines Stückchen Obstkuchen.

Ernährungsempfehlungen für Diabetiker auf einen Blick:

  • Viel Obst und Gemüse, Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte essen.
  • 30 g Ballaststoffe pro Tag aufnehmen (aus Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten und Vollkorngetreide).
  • Fettmenge begrenzen und pflanzliche Fette bevorzugen. 
  • Zucker, Süßigkeiten und zuckerhaltige Getränke (auch Obstsäfte) nur in Maßen und über den Tag verteilt genießen.
  • Ausreichend trinken: am besten Mineralwasser, ungesüßte Tees oder Saftschorlen.
  • Wenig oder keinen Alkohol trinken.
  • Lieber fünf kleine Mahlzeiten zu sich nehmen als drei große.