Vegetarismus - was ist das eigentlich?

Wer auf Fleisch verzichtet, ist nicht allein. Die Nationale Verzehrsstudie zählte 2006 rund 1,6 % deutsche Vegetarier, der Vegetarierbund sogar 7 - 8 %. In Indien, dem Ursprungsland des Vegetarismus, ist der Anteil noch höher: Dort ernähren sich rund 40 % der Bevölkerung fleischlos. Vegetarier essen ganz bewusst kein Fleisch und keinen Fisch. Dahinter stecken oft ganz unterschiedliche Beweggründe. Der Schutz von Tieren ist für viele ein wichtiges Motiv. Andere verzichten aus ethisch-religiösen, aus ökologischen oder gesundheitlichen Gründen. Dementsprechend unterscheidet sich die Auswahl der Lebensmittel. Während manche sich ausschließlich von pflanzlichen Produkten ernähren, verzehren andere auch Produkte von lebenden Tieren, wie beispielsweise Milch oder Honig. Doch wie gesund ist eine vegetarische Ernährung?

Vom asketischen Verzicht zum Umweltschutz

Biologisch gesehen ist der Mensch ein Allesfresser, der sowohl pflanzliche als auch tierische Nahrung essen kann. Der bewusste Verzicht auf Fleisch wurde in Europa erstmals im 6. Jahrhundert v. Chr. praktiziert. Die Anhänger des Orpheus strebten Askese in allen Lebensbereichen an. Aufgegriffen wurde der Gedanke einige Jahrhunderte später von Phytagoras, der dazu aufrief, keine „beseelten Lebewesen“ zu verzehren. Noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Vegetarismus deshalb „Phytagoräismus“ genannt. Im Laufe der Jahrhunderte lebten viele bekannte Persönlichkeiten vegetarisch, doch erst Ende des 19. Jahrhunderts fand der Vegetarismus in Deutschland eine breitere Öffentlichkeit. Einen richtigen Aufschwung brachten die 1970er-Jahre mit der Umweltschutz- und Tierrechtsbewegung.

Formen des Vegetarismus

Je nach Auswahl der erlaubten Lebensmittel unterscheidet man verschiedene vegetarische Kostformen:

Ovo-Lacto-Vegetarier essen weder Fleisch noch Fisch, verzehren aber Eier und Milchprodukte. Ovo-Vegetarier verzichten neben Fleisch und Fisch auch auf Milch und Milchprodukte, essen aber Eier. Lacto-Vegetarier lassen neben Fleisch und Fisch auch Eier weg, nehmen jedoch Milch und Milchprodukte zu sich.

Strikte Vegetarier, so genannte Veganer, lehnen sämtliche Produkte ab, die von Tieren stammen. Sie meiden nicht nur Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte, sondern auch Honig und tierische Hilfsstoffe in der Lebensmittel-Verarbeitung wie etwa Gelatine. Selbst bei der Kleidung achten Veganer meist auf die Materialien und tragen keine Produkte aus Leder oder Wolle. Zugleich legen sie bei anderen Gegenständen wie Wasch- und Putzmitteln Wert darauf, dass diese frei von tierischen Produkten sind.

Im weiteren Sinne gehören auch Pescetarier zu den Vegetarieren. Sie verzichten auf Fleisch, verzehren aber Fisch und andere tierische Produkte. Die Vegetarierverbände grenzen sich jedoch von ihnen ab.

Wer sich als Gelegenheitsvegetarier bezeichnet, gehört zur Fraktion der „Flexitarier“. Diese legen Wert auf gesundes Essen und haben nur gelegentlich und eher wenig Fleisch auf ihrem Speiseplan stehen.

Leben Vegetarier gesünder?

Langfristige Studien über den Gesundheitszustand von Vegetariern zeigen, dass eine ovo-lacto-vegetarische Ernährung viele Vorteile bietet. So leiden Vegetarier seltener an Übergewicht und Bluthochdruck und haben bessere Cholesterinwerte. Ausschlaggebend dafür ist der große Anteil an Obst und Gemüse, Hülsenfrüchten und Getreide bei dieser Ernährungsform. Diese liefern wenig Kalorien, aber viele günstige Nährstoffe wie komplexe Kohlenhydrate, Ballaststoffe, Vitamine und Mineralstoffe.

Anders sieht es allerdings bei veganer Ernährung aus. Wer sämtliche tierische Produkte meidet und sich ausschließlich von Pflanzen ernährt, muss seine Lebensmittel sehr sorgfältig auswählen, um Mangelerscheinungen zu vermeiden. Vor allem die Zufuhr an Calcium, Jod, Eisen und den Vitaminen B2, B6 und B12 ist oft nicht ausreichend gesichert. Vitamin B12 beispielsweise kommt fast ausschließlich in tierischen Lebensmitteln vor. Eine Ausnahme bilden nur pflanzliche Lebensmittel, die mithilfe von Bakterien hergestellt werden, wie beispielsweise Sauerkraut.

Veganer benötigen ein umfangreiches Wissen über die Zusammensetzung der Lebensmittel, um den täglichen Nährstoffbedarf decken zu können. Für Personen mit einem erhöhten Nährstoffbedarf, wie beispielsweise schwangere und stillende Frauen, ältere Menschen und Kinder, ist eine vegane Lebensweise nicht geeignet. Für Säuglinge und Kleinkinder kann sie sogar gefährlich werden. Die deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) rät deshalb von einer veganen Ernährungsweise ab.

Ausgewogen mit oder ohne Fleisch

Ob man Fleisch isst oder nicht, ist letztlich nicht entscheidend für die Gesundheit. Einerseits versorgt Fleisch unseren Körper mit hochwertigem Eiweiß und wertvollen Vitaminen und ist ein sehr guter Eisenlieferant. Andererseits kann übermäßiger Fleischkonsum die typischen Zivilisationskrankheiten unserer Zeit begünstigen: Übergewicht, Gicht, Herz-Kreislauferkrankungen und Diabetes. Wer sich gesund ernähren möchte, sollte vor allem vielseitig essen und die 10 Regeln der DGE für eine ausgewogene Ernährung beachten. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt, nicht mehr als 300 – 600 g Fleisch und Wurst pro Woche zu verzehren. Dabei sollte fettarmes Fleisch wie beispielsweise Geflügel bevorzugt werden. Wichtig ist zudem ein großer Anteil an frischem Obst und Gemüse sowie Vollkorngetreide. Wer kein Fleisch isst, kann seinen Eiweißbedarf mit Milchprodukten und Eiern oder Hülsenfrüchten decken.